Rhythmus, Ordnung, Chaos
Veronika Schöne

Streng frontal, die gesamte Fläche einnehmend, treten uns in den Fotografien von Till Leeser Strukturen entgegen, die wie abstrakte Malereien wirken. Jackson Pollock fällt uns ein, Franz Kline, Robert Motherwell oder Mark Tobey – Vertreter des amerikanischen Abstrakten Expressionismus, mit denen New York in den 50er Jahren Paris den Rang als Zentrum der modernen Kunst abgelaufen hat. Große, elegische Formate, die mit ihrer cinemascopischen Breite die Weite des Westens aufnahmen – ein Mythos der Landnahme, der zum Mythos der Eroberung der Kunstwelt umgedeutet wurde. Unbestrittener Held dieser amerikanischen Kunstsaga ist Jackson Pollock, dessen früher Unfalltod das Existenzielle seiner Kunst zu bestätigen scheint. In die riesigen Bilder schreiben sich die Spuren seiner Gestik ein, chaotisch choreographierte Schlieren, Kleckser und Spritzer, die er mit weit ausholenden Bewegungen aufgetragen hat. Automatismus lautete das Stichwort der Stunde, ein von den Surrealisten entlehntes Verfahren, um durch kontinuierliche Bewegungen und hohe Geschwindigkeit jene Regionen des Unbewussten zu erreichen, in denen man die ursprüngliche Kreativität vermutete. In Pollocks Bildern begegnet man nicht nur der amerikanischen Weite des zu erobernden Raumes, sondern auch dem Chaos, einem Chaos allerdings, das nicht nur das der Außenwelt ist, sondern eine aus dem Subjekt heraus geborene Äußerung wahrer, spontaner Schöpferkraft. Kaum eine Kunstrichtung hat unser Verständnis von und für abstrakte Malerei so sehr geprägt wie der Abstrakte Expressionismus. Sie ist zum Inbegriff einer subjektiven Sprache geworden, in deren formlosem Stottern und Stammeln sich gleichsam seismographisch die Spuren der Seele und des Unbewussten abzeichnen. Till Leeser hält ebenfalls Spuren chaotischer Choreographien fest, deren Urheber unbekannt sind. Was sich in die Raumtiefe hinein entfaltet, klappt er durch die Auswahl der Ausschnitte in die Fläche und erzeugt damit ein Äquivalent zur Leinwand. So wie auf der Leinwand die malerischen Spuren zu sehen sind, zeigt die Fotografie der Realität entnommene Elemente, als bildeten sie sich unmittelbar auf der Oberfläche ab: Der Fotograf "malt" gleichsam mit der Kamera direkt auf den Träger wie der Maler auf die Leinwand. Durch das Ausblenden all dessen, was auf die Herkunft dieser Strukturen hinweisen könnte, nehmen wir sie als "seine" Spuren wahr, eine Lesart, die unmittelbar von unserer Wahrnehmung abstrakter gestischer Malerei geprägt ist. Ihre Urheberschaft wird damit gleichsam geteilt: zwischen dem Fotografen, der sie sich aneignet und unmittelbar auf den Bildträger "setzt", und der Quelle, der sie eigentlich entstammen: Mauern, Wänden, Treibgütern der Zivilisation – und immer wieder der Natur. Nukleus von Leesers Arbeiten bilden Strukturen, die er in allen möglichen Vorbildern findet und in einigen Werkgruppen auch selbst herstellt. Die "Tender Buttons" sind abstrakte Kompositionen bunter Flaschenverschlüsse, die "Assemblages" und "Compositions" Fundstücke, die er zu – auch figurativ anmutenden – Konstellationen kombiniert, und die Serie "Nature Morte" zeigt abgestorbenes Gestrüpp, das er – Pollock ähnlich – zu wie mit gestischen Spuren übersäten abstrakten Bildern arrangiert. Um Distanz zu wahren und eine Wahrnehmung der Strukturen jenseits der gegenständlichen Abbildung zu ermöglichen, begegnet Leeser den Dingen – neben der strengen Frontalität und Flächigkeit – auch häufig über die Rückseite des Sehens, über ihren Schattenwurf – wie in "Shadows" und "Chinese Shadows" – oder – wie in "Flowers" – über die Unschärfe als weitere Mittel der Verfremdung. In "Messages" findet Leeser den verfremdenden Prozess abstrahierender Distanzierung bereits vor: Die Serie zeigt chinesische Wandzeitungen, die des Nächstens häufig in einem Akt der Sabotage oder der Zensur überpinselt werden. Die Spuren der Auslöschung, in denen die menschlichen Nachrichten dennoch gegenwärtig sind, nehmen ihrerseits die abstrakten Formen großflächiger Malereien an. Leesers Wahrnehmung nimmt dabei vom Chaos ihren Ausgang, das jedoch nie einfach nur zufällig ist, sondern seine innere Ordnung, seine eigenen Register besitzt. "Fraktale" lautet eine Serie von auf Schrottplätzen entstandenen Fotoarbeiten, die er – wie Baselitz – auf den Kopf stellt, um die Möglichkeit einer abstrakten Sichtweise auf die immer gleichen Maschinenteile zu eröffnen, die sich in der Wiederholung – wie die titelgebenden Fraktale – selbstähnlich sind. Eine regelrecht entropische Struktur weisen auch die Serien "Squash" und "Tracks" auf, deren relativ gleichmäßig verteilte Spuren von Squashbällen bzw. Fahrrädern und Skateboards dennoch eine innere Rhythmik besitzen. In dieser inneren Rhythmik, der Ordnung im Chaos, die Leeser in allen Strukturen festhält, zeigt sich der Bauplan der Welt, der besonders in den von ihm immer wieder aufgenommenen Strukturen der Natur seine schöpferische Systematik offenbart: So wie sich in "7 Trees" die Bäume in ihren Ästen und Zweigen immer weiter ausdifferenzieren und dabei ihre eigene Großform im Kleinen wiederholen und wie sich in "Lotus" die Pflanzen wie Schriftzeichen der Schöpfung im Wasser spiegeln, haben die Alten im "Buch der Natur" lesen können, als die Naturwissenschaft noch gar nicht existierte. Doch haben auch Chaostheorie, Entropie und Stochastik dem Zufall bis heute nichts von seinem Zauber genommen, der in dem rhythmischen Chaos von der schöpferischen Kraft kündet – des Kosmos wie des Künstlers. Der Abstieg ins Unbewusste und der Aufstieg ins Universelle – beide haben als schöpferischen Paten den Zufall zum Zeugen. Egal, ob sie ihn aus sich heraus auf die Leinwand bringen oder mit der Kamera in der Welt entdecken.

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