Nature Morte
Till Leeser

Ich begann meine Arbeiten an dem Zyklus „Nature morte“ in den Jahren 2004/2005. Die ersten Motive waren Fotografien von Dingen, die ich in der Natur gefunden hatte. Abgestorbene Pflanzenteile, Zweige und Blätter, aber auch kleiner Tiere wie getrocknete Insekten, deren erstarrte, bizarre Form mich faszinierte. Ich sammelte diese Teile in leeren Häusern, unter Bäumen und Pergolen und am Strand. Es erinnerte mich daran, wie ich als Junge schon alle möglichen Dinge in meinen Taschen und Schachteln gesammelt hatte. Eine urmenschliche Seite ist ja das Sammeln von Gegenständen - Essbares, Brauchbares. So sammelte ich diese sonderbaren Formen einfach deshalb, weil ich sie schön fand. Und streute sie dann wieder auf einer weißen Leinwand aus, wie ein Maler oder ein Forscher. In der Ansammlung von Laub und Häuten entstanden Strukturen, die fast etwas Landschaftliches hatten. Am Strand sammelte ich dann auch Fetzen von Plastikzäunen, Seetang, Muscheln, Plastiktüten und Fischernetze. Aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und zerrissen waren sie ihrer ursprünglichen Funktion enthoben. Sie waren etwas anderes geworden. Diese Formen und Figuren warf ich dann auf eine weiße Folie, wo sie Muster bildeten. Und diese wiederum werden überlagert von anderen flüchtigeren Mustern, die durch Schatten entstanden waren. Die Sonne, die hoch hinter mir steht, schien durch das Laubwerk der Bäume auf die ausgespannte Fläche in meinem Freilichtstudio und zeichnet Schatten auf mein Bild. Später entdeckte ich in Kupferstichen und Zeichnungen des 16. Jahrhunderts dieselbe Faszination für die detailgetreue Wiedergabe von abgelebten Gegenständen, Wurzeln, Knollen, Mäuse und Käfer. Sorgsam ausgebreitet bieten sie sich dem forschenden Auge dar. Die Welt als Wunderkammer. In ihrer gesetzten Ordnung verweisen diese Bilder auf die schöpferische Ordnung der Welt. Die Struktur oder Muster meiner Bilder dagegen ist nicht arrangiert, sie ist geworfen. Der Zufall spielt hier eine wichtige Rolle, die Dinge fallen so wie sie fallen. Ich greife da ganz wenig ein, sondern lasse dieses Zufällige walten. Das ist für mich das Überraschende. Das macht es für mich wieder lebendig. So wie auch die Schatten zufällige und vergängliche Muster bilden. Oder selbst Zeichen für Vergänglichkeit sind. Die körperlose Schönheit der Schattenzeichen ist etwas ganz Bewegliches und Zartes. Es ist eine Berührung des Immateriellen mit dem Materiellen, dem Toten. Irgendwie ist diese Schönheit auch ein Trost. Im Gegensatz zu dem Periphären, das von diesen Bildern ausgeht, habe ich mit der Technik einer hochauflösenden Digitalfotografie größtmögliche Präzision eingesetzt

 

J.Hoefnagel 1592 (nasci.parti.morti)

HOME