Tot oder lebendig
Reinhold Scheer

War es die Auseinandersetzung mit dem Diesseits oder dem Jenseits, die Auseinandersetzung mit Beidem, anempfohlen von den großen Autoritäten, von Religion und Kirche, überschrieben mit der größten aller Mahnungen: memento mori. Oder befreiten sich die großen und kleinen Maler mit dem Genre der Nature morte von den klassischen Motiven, die ebenfalls dem Glauben entsprangen, den religiösen und biblischen Motiven, aber auch vom Portrait der Mächtigen oder dem Abbild der Schöpfung in Form idealisierter Landschaften, und waren sie es einfach auch satt, mythische Gemetzel vergangener Zeit, aber auch der Gegenwart zu malen? Mit solchen Fragen wurde vermutlich ein neues Universum der europäischen Malerei nicht nur des Mittelalters begründet, ein Universum das nach allem Suchen in religiöser oder mythologischer Ferne etwas fast Beschämendes entdeckte: das Nahe-Liegende. Eine Blume. Ein Glas. Ein Brett mit einem Messer. Ein Schmetterling. Eine Schale mit Pfirsichen. Eine Schlange. Ein Buch. Eine Pflanze. Alles schön arrangiert, komponiert, ins rechte Licht gesetzt. Alles schon als Arrangement ein Bild, ein Bild vor dem Bild, das nur noch gemalt zu werden brauchte. Aber auch hier konnten sich die Maler den tieferen Sinnfragen nicht zu entziehen. Ein Totenschädel als Zutat, das gebrochene Auge eines Vogels, getrocknete Käfer und starre Nattern wurden zu Botschaftern des Diesseits und des Jenseits und setzten den Eilenden im Leben ein Mahnmal zum Nachdenken und Verweilen. Was verbindet die Nature morte von damals mit der Nature morte von heute? Sind die Bilder von Braques und Morandi Ausdruck ähnlicher Reflexionen? Man könnte es vermuten, aber Thema ist hier nicht das gemalte Bild, der Kupferstich, die Zeichnung. Thema ist die Nature morte in der Fotografie. Sie hat, zwar nicht in ihren Anfängen, aber spätestens seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, ein Synonym für Nature morte reklamiert. Aus dem deutschen Pendant Stilleben, aus dem englische Pandant Still life wurde der weltweit eingeführte Gattungsbegriff Still. Wie bei den malenden Kollegen aus vergangenen Jahrhunderten, gibt es heute eigene Genres in der Fotografie. Fotografen, die Gemetzel fotografieren, es gibt Reportagefotografen, Landschaftsfotografen, Gesellschaftsfotografen, Fotografen, die sich auf Portraits spezialisiert haben, es gibt Modefotografen und andere. Auch Fotografen, die Himmel und Hölle fotografieren, nur sehen Himmel und Hölle heute anders aus. Was unterscheidet dem Still-Fotografen von seinen vielen Kollegen? Für ihn gilt, was für die Nature morte-Maler gilt: sie arbeiten an zwei Bildern. An dem Bild, das sie arrangieren und an dem Bild von diesem Bild. Aber wie unendlich weit entfernt ist, trotz dieser Gemeinsamkeit, das Ergebnis. Der Still-Fotograf von heute begibt sich in einen Gestaltungs-Raum mit extremen Gegensätzen. Zum einen bezieht er sich auf eines der größten Versprechen der Fotografie, nämliche die Realität abzubilden. Zum anderen bedient er sich des immer größer werdenden manipulativen Potentials der Fotografie, für das an dieser Stelle der wie selbstverständlich in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangene Begriff der Bildbearbeitung steht. (Was Motiv, Kamera, Licht, Sujet nicht hergeben, das gibt die Bildbearbeitung her.) Um die Bilder, die Natur morte von Till Leeser zu begreifen, lohnt sich ein genauer Blick auf die Objekte, die einem darauf begegnen, und es taucht wie selbstverständlich ein weiterer Begriff aus der Kunstgeschichte auf, der Begriff des Objet trouvé. Das Stück Plastik, der Verschluss, die Kordel, der Zweig, der Ast, die Folie, die tote Maus, der Fetzen Papier: gefunden! Gefunden, aber auch selektiert für das Bild, das später zur Fotografie wird. Und natürlich wurden die Objekte nach einem mehr oder weniger präzisen, mehr oder weniger bewussten Plan gesucht, zusammengebracht, komponiert. Hier lohnt sich dann wieder ein Blick auf klassisches künstlerisches Gestalten. Die Gegenstände formieren sich zu Zeichen und Mustern, zu grafischen Kürzeln, zu Details, die ihre eigenständige Existenz zugunsten von Ornament, Struktur und skriptueller Botschaft aufgeben. Dieser Vorgang hebt die Räumlichkeit der Objekte ebenfalls fast auf, es entstehen Tableaus, die, Motiv für Motiv, eine eigene Sprache gleich auf mehreren Ebenen sprechen. Eine Sprache, die zitiert, eine Sprache, deren Sinn sich aus dem Binnen-Bezug der dargestellten Objekte ergibt, eine Sprache, die rätselhaft, fremd, nur vordergründig bekannt und entschlüsselbar ist, dazu eine Sprache, die Objekte bewegt, sich von der dritten Dimension zu verabschieden, um sich in der zweiten Dimension zu artikulieren. Bewegt mansich dann in Till Leesers Nature morte von Bild zu Bild und lässt deren große Eigenständigkeit auf sich wirken, vereint sich das Vergnügen des Betrachtens mit der Feststellung: diese Natur morte ist auf eine beeindruckende Art und Weise vital und lebendig.

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