Echo der Ewigkeit
Paolo San Vito

Die Themen, denen sich Till Leeser in seinen Arbeiten widmet, scheinen auf den ersten Blick jene ferner Zeiten, der Antike oder Renaissance: Tod und Konsum, Untergang, die Zerbrechlichkeit und Transitivität aller Dinge, aus denen unsere Welt beschaffen ist. Dass seine Arbeiten offen auf die frühen Künstler verweisen, speziell die Maler, formuliert Till Leeser selber. Hierin findet er Bedeutungszusammenhänge, die sich in Themen wie Vanitas Szenen, dem Kreislauf des Lebens und den Phasen der Jahreszeiten wiederspiegelen. Leeser deutet diesen Bezug an, jedoch nicht mit der Absicht, sich einfach anzuschließen. Die Anziehungskraft dieser frühen Schulen der Malerei, vom niederländische Realismus über Arcimboldo bis zu den fernöstlichen Landschaftsmalern ist sehr stark, für ihn genau wie für die gesamte westliche Zivilisation. Sie sind alle tief in unserem kollektiven Gedächtnis und unserer gemeinsamen Vorstellung verwurzelt. Dies gilt selbst für die japanischen Künstler (Meister), welche seit dem Impressionismus, wenn nicht sogar schon zuvor, die Pariser Kunst maßgeblich beeinflusst haben. Aus diesem Grund werden sie nie in Vergessenheit geraten. Aber diese Themen, wie ich schon angedeutet habe, finden sich nur auf den ersten Blick genauso in Till Leesers Arbeiten wieder. Ihm gelingt es in seiner Reflektion von Transitivität noch einen Schritt weiter zu gehen, um dann an einen Ort zu gelangen, der sich außerhalb von historischem Raum und Zeit zu befinden scheint. Es gibt ein intrinsisches Erkennen, einen geordneten Einblick in die Struktur, die logische, ja nahezu mathematische Disziplin allen Lebens, ja der Natur selbst. Ein Blick, der stetig die Neuordnung der Materie sucht, eine Umordnung der Materialität hin zu einer anfänglichen Stufe der Ruhe. Eine formale Besonderheit des physikalischen Phänomens der Entropie: Pluto im antiken Griechenland, die Gottheit der Dekomposition, der Destruktion, war ebenso verantwortlich für die Neuordnung aller Dinge nach dem Prinzip der Systematik als Gegenentwurf zum Chaos. So wurden die "unordentlichen" Objekte, selbst die Überreste von allem Toten, in gewisser Hinsicht wieder lebendig; zumindest bezüglich ihrer Ordnung. Wo es kein Leben gibt oder es zumindest fast ganz verschwunden ist, haben wir das Gefühl, dass es keine Ordnung gibt. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Leeser sich gestärkt durch die Wahrnehmung seiner eigenen Arbeiten, seiner Themen und Objekte fühlt. Man kann sich die Wiedergeburt alles Toten vorstellen, während man über die Spuren, die der Tod hinterlassen hat, nachdenkt. Sogar könnte ich auf eine Art ungeplante, unfreiwillige Rückkehr der Transzendenz, der Wiedergeburt alles Toten in seinen Bilder hinweisen. Und wenn man dann über den letzteren Punkt genauer nachdenkt, verblassen die Erinnerungen an die alten Meister und die frühen Schulen der Kunst in diesem Aspekt. Im Vergleich sprechen sie uns hierin nicht an, denn nahezu gewaltsam bringen sie das Gefühl der Sterblichkeit und der unaufhaltsamen Härte des Schicksals zurück. Was stattdessen bleibt bei der Betrachtung von Leesers Bildern ist ein Gefühl von Unendlichkeit, von Absolutheit, selbst als ein sehr sanftes, entferntes Echo.

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